Von Argentinien nach Paraguay – Anfahrt mit Hindernissen


Langsam wurde es zu kalt in den Bergen. Der Winter nahte in grossen Schritten und wir verspürten Lust die Daunenjacken wieder gegen Shorts zu tauschen. Es war an der Zeit ins Tiefland abzuschwenken, in die Wärme.

Das perfekte Land dafür war Paraguay. Eingebettet zwischen Argentinien, Brasilien und Bolivien liegt es im Übergangsbereich vom subtropischen zu tropischen Klima. Der nächste Grenzübergang war Pozo Hondo und lag nur 500 Kilometer von uns entfernt.


Einen Haken gab es an der Sache, die Grenze in beiden Ländern war nur über Pisten erreichbar, Beschreibungen über deren Zustand fanden wir auch nicht. Kein Grund für uns es nicht zu versuchen, es erinnerte uns an die Tour von Sambia nach Angola, das war auch eine Erstbefahrung.


Als die Anden aus dem Blickfeld verschwanden wurde die Landschaft entlang der Strasse immer flacher. Das Farmland wich wildem, spärlich besiedelten Buschland. Die letzten Wochen und Tage musste es heftige langandauernde Regenfälle gegeben haben denn alle Feldwege waren verschlammt und sogar am Strassenrand versank man sofort im durchnässten Erdreich.

auf der Fahrt nach Yacuiba
 Die wenigen Orte entlang der Strecke zeigten wie abgelegen und strukturell unterentwickelt diese Region ist. Es gab weit mehr Mopedfahrer auf den Strassen als Autos, immer ein untrügliches Zeichen dafür dass die Menschen ärmer sind, die Nebenstrassen waren alle unbefestigt, die Geschäfte einfacher und es lag mehr Müll in den Gassen.

Mechaniker Crew - die Coca Wange
Der Unimog brauchte dringend einen Ölwechsel. Seit dem Motortausch war der Öldruck viel niedriger als zuvor und wir vermuteten dass es am falschen Öl lag dass in Südafrika eingefüllt wurde. Als wir in Libertador Gral San Martin, einer kleinen Stadt die wir auf unserer Fahrt durchquerten, überall Werkstätten sahen nutzten wir die Gelegenheit und suchten uns einen Mechaniker. Man schickte uns in eine Seitengasse wo schon viele Lastwägen und Busse mit offenen Motorhauben oder ausgebauten Teilen parkten.
Es war die Reparaturmeile für grosse Gefährte, es sah ein bisschen aus wie in Afrika. Ein Mechaniker war sogleich zur Stelle nur das Werkzeug entsprach nicht ganz unseren Vorstellungen, uns blieb nichts anderes übrig als unser eigenes auszupacken. Der Rest war schnell erledigt und für umgerechnet fünf Euro war unser zuvor gekauftes Öl eingefüllt.


Während wir das Treiben beobachteten fiel uns die dicke ausgebeulte Wange des Mechanikers auf. Zuerst dachten wir an ein Zahnproblem doch als auch andere mit den gleichen Symptom herumliefen wurde uns klar – die kauten alle Coca Blätter. Auf den Märkten hatten wir das Kraut schon oft gesehen. Es wird legal verkauft und die Indios verwenden es seit tausenden von Jahren. Es wirkt als Stimmungsaufheller, gilt als Medizin, unterdrückt das Hungergefühl und hilft die Höhe besser zu vertragen. In Südamerika ist es ein Naturheilmittel, in Stärke und Wirkung nicht zu vergleichen mit dem pulvrigen Kokain das als gefährliche Droge daraus gewonnen wird.


Als wir den Ort verliessen wartete eine neue Herausforderung auf uns. Es wurde Abend und wir brauchten einen Übernachtungsplatz. Campingplätze sucht man in dieser Gegend vergeblich, Touristen verirren sich nur selten hierher und so probierten wir etwas Neues – die Tankstelle. Was für Lastwagen Fahrer passt sollte es auch für uns tun. Grosse Tankstellen haben in der Regel rund um die Uhr geöffnet und gelten als sichere Parkplätze. Diese bot sogar gratis Internet und später fanden wir auch noch welche mit Duschen. Es war eine neue Erfahrung die mangels Alternativen bald zur Gewohnheit werden wird.


Fünfzehn Kilometer vor der Grenze zu Bolivien bogen wir auf die R 54 ab. Wegweiser gab es keine obwohl die Strasse neu asphaltiert war. Nach zehn Kilometern landeten wir auf einer Erdpiste. Noch war sie gut gepresst und die Schlammlöcher klein, doch die Überschwemmungen machten uns Sorgen. Wir schöpften Vertrauen als ein Tanklaster vorbei fuhr und setzten unseren Weg fort. Wenige Kilometer später wich unsere Zuversicht denn wir befanden uns bei einem Gas Lager, der Grund für den LKW Verkehr.

Pisten Anfang R54 
Wie auf einem ausgefahrenen Feldweg ging es weiter zudem war das Gelände leicht hügelig und wir rutschten mehr als wir fuhren. Mit allen Sperren versuchte wir die Spur zu halten und mit Mut schafften wir eine kleine Fluss Überquerung. Doch als die Schlammlöcher immer grösser und länger wurden mussten wir eine Entscheidung treffen. Wir wollten nichts riskieren und schon gar nicht den Unimog versenken also kehrten wir um. In dem Stress vergasen wir sogar auf Fotos.


Zurück beim Asphaltende probierten wir noch eine zweite Piste. Dasselbe Bild, überall Schlamm, ein normales Vorwärtskommen war bei diesen miserablen Verhältnissen einfach unmöglich. 150 Kilometer in diesem Terrain auf einer Piste die mitten durch dichten Buschwald führt, zu weit und unkalkulierbar. Wir brauchten eine Plan B um nach Paraguay zu gelangen.

Blick zurück zum Grenzposten in Yacuiba
Nach kurzer Frustration beschlossen wir einen Abstecher über Bolivien zu nehmen. Die Grenzstadt Yacuiba erreichten wir noch am selben Nachmittag. Grenzübergänge sind zum Glück in Südamerika eine einfache Angelegenheit. Es kostet nichts, die Visa werden direkt am Grenzposten ausgestellt und für den Unimog erhält man ein befristetes Importzertifikat.

Der Grenzposten liegt mitten in der Stadt. Ein Fluss dient als natürliche Grenze, hinter der Brücke gleich der Schlagbaum. Es empfing uns eine andere Welt. Die Strassen eng und verwinkelt, bunte Geschäfte, lautes Treiben, ein Militärposten der uns Geschenke abluchsen wollte.


Es war Sonntag, die Wechselstuben hatten geschlossen, wieder einmal begann die Suche nach einem Geldautomaten der auch ausländische Kreditkarten akzeptiert. So nutzen wir im nächsten Ort die Gelegenheit für einen kleinen Stadtbummel. Bolivien ist schon anders. Es ist eines der ärmsten Länder des Kontinents wird aber mehrheitlich von Indios bevölkert. Die Geschäfte, die Häuser alles ist einfacher, die Infrastruktur schlechter, man sieht mehr Müll, die Autos sind alt.


Mühe hatten wir bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz. Tankstellen schieden aus, die bestanden nur aus drei Zapfsäulen im Erdboden doch mussten wir irgendwie von der stark befahrenen Hauptstrasse weg. Es kostete einige Versuche bis wir eine kleine Ortspiste fanden die breit genug war um im Grasstreifen zu parken. Erstaunt merkten wir dass diese Stelle auch von anderen Lastwagen Fahrern als Schlafstätte genutzt wurde. Wahrscheinlich wegen der kleinen Bar an der Ecke und den netten Mädels darin. Wir wissen nicht ob es ein Puff war, jedenfalls verbrachten wir eine sichere wenn auch laute Nacht.


Die grösste Stadt in diesem Winkel heisst Villamontes. Wer nach Paraguay möchte muss sie direkt durchqueren. An einem grossen Marktgelände legten wir eine Pause ein und schlenderten durch das Gewirr von Ständen. Ein intensiver Geruch vom angrenzenden Fischmarkt hing in der Luft, wir kauften frisches Obst und Gemüse und genehmigten uns einen frischgepressten Ananassaft mit gezuckerten Schmalzgebäck. Die Preise sind super günstig, Bolivien ist ein sehr billiges Land.

Grenze Bolivien zu Paraguay - Chaco Region
Nach weiteren hundert Kilometern erreichten wir endlich die Grenzstation zu Paraquay. Wir hatten es endlich geschafft.