Patagonien II – Gletscherwelten



Wenn es einem beim Reifen aufpumpen fast von den Socken weht und jeder Handgriff draussen zum Kraftakt wird macht es keinen Spass mehr. Wir waren auf der Flucht vor dem patagonischen Sturm und echt froh als vor uns Berge auftauchten. Vor uns lag die Cordillera, der Beginn der Anden.

 Nach langer Pistenfahrt genossen wir den guten Asphalt der Ruta 40, dieser längsten Strasse Argentiniens, die uns jetzt von Süd nach Nord begleitete. Von ihr zweigen Stichstrassen zum Anden Hauptkamm ab und dort liegen auch die Orte weswegen man hierher reist.

 Der Lago Argentina markiert die erste Weggabelung. Ein riesiger See mit intensiv türkisblauen Wasser dessen besondere Färbung seinen Ursprung, dem Perito Moreno Gletscher verdankt. Er ist weltweit der einzige Gletscher der sogar langsam wächst statt schrumpft und einer der wenigen der sich auf fast Meereshöhe befindet.

 Ausgangspunkt für seine Besichtigung ist El Calafate, ein Retortenort der nur eine Einnahmequelle kennt, den Tourismus. Vom Pauschalreisenden bis zum Rucksack Traveller ist hier alles vertreten. Uns gefällt er. El Calafate ist ein Ort wo man es sich gut gehen lassen kann. An der schicken Hauptstrasse reihen sich stylische Lokale und edle Souvenirshops aneinander. Vor dem Gemeindehaus wurden gerade folkloristische Tänze dargeboten und wir entdeckten eine Konditorei mit feudalen sehr leckeren Torten.

 Da die Wettervorhersage nur wenige Sonnenfenster zeigte unternahmen wir den Ausflug zum Gletscher schon am nächsten Tag. Die achtzig Kilometer weite Anfahrt zog sich denn wir spürten noch die Müdigkeit von der Pistenrüttelei der letzten Tage. Ungefähr nach der Hälfte der Wegstrecke beginnt der Nationalpark Los Glaciares. Wie so oft zahlt man als Ausländer höhere Eintrittspreise im Vergleich zum einheimischen Touristen aber 13,-- Euro pro Person fanden wir in Ordnung.

 Am Ende der kleinen kurvigen Strasse erreichten wir die gut organisierten Parkplätze. Die Mittagszeit erwies sich als vorteilhaft denn viele Reisegruppen befanden sich bereits am Rückweg. Auf den gut angelegten Holzpfaden die zu den Aussichtsplattformen führen war der Andrang gering. 

Der erste Blick zum Gletscher war fantastisch. Man steht unmittelbar gegenüber der achtzig Meter hohen Abbruchkante und blickt auf eine zerklüftete Fläche aus Schnee und Eis. Wir hörten das Ächzen und ständige bröckeln der tiefblauen Eistürme. Unentwegt schiebt der Gletscher vorwärts und kalbt in den See. Es war beeindruckend.

 Auf der Rückfahrt genehmigten wir uns in einem Farmrestaurant ein dickes argentinisches Steak und campierten auch gleich zwischen Schafen und Kühen. Dort beobachteten wir auch erstmalig Kondore, die Geier der Anden. Mit Spannweiten bis zu drei Metern gleiten sie fast ohne Flügelschlag durch die Lüfte. Ihre Nester liegen geschützt in den Bergwänden. Nur zur Nahrungssuche begeben sie sich in die offene Graslandschaft. Als Aasfresser leben sie von verendeten Guanacos oder Schafen. 

Am nächsten Morgen hatte ein nächtlicher Kälteeinbruch die Wiesen mit einer dünnen Schneeschicht überzogen. Uns war das egal denn wir wollten nur noch eines, ausspannen und erholen. In El Calafate fanden wir einen Campingplatz der auch Platz für den Unimog bot. Nicht selbstverständlich denn das Zielpublikum sind Rucksackreisende oder Bergsteiger mit Zelten.

Auf der Suche nach einem günstigem aber gutem Essen fanden wir ein chinesisch geführtes argentinisches Asado Lokal mit „all you can eat“ Angebot. Nicht stylisch aber gut. Bevor wir weiterreisten checkten wir den Wetterbericht. Die südlichen Anden sind zwar nur zwei- bis dreitausend Meter hoch aber jede Schlechtwetterfront aus dem westlich gelegenen Chile bleibt an ihnen hängen und verhüllt schnell jeden Gipfel. Sie fungieren als Wetterscheide und sind Ursache für die Trockenheit und Stürme im östlichen Patagonien.

 Uns eröffnete sich ein seltenes viertägiges Schönwetterfenster dass wir sofort nutzten um nach El Chalten zu fahren. Der Ausblick auf die Berglandschaft war grossartig. Je näher wir kamen umso mehr nahm es Gestalt an. Ein aussergewöhnlich felsiges spitzes Bergmassiv ragte vor uns auf, das Eldorado für Extrembergsteiger aus der ganzen Welt, der 3400 Meter hohe Fitz Roy und der 3100 Meter hohe Cerro Torre.

Es erscheint unglaublich mächtig weil man sich selbst nur auf 200 Meter Seehöhe befindet und es aus markanten glatten Granitwänden mit spitz zulaufenden Eisgipfeln besteht. Die 1500 Meter hohe Felswand des Cerro Torre hat einen Schwierigkeitsgrad der in Kletterkreisen lange Zeit als unmöglich galt.

Erst vor wenigen Jahren gelang es dem österreichischen Extremkletterer David Lama diese Wand ohne technische Hilfsmittel zu bezwingen. Als wir mit dem Fernglas die Wand bestaunen gedenken wir diesem jungen Ausnahmetalent. David Lama ist heuer bei einer weiteren Extrembesteigung tödlich verunglückt. Seine Faszination für diese Berge konnten wir beim Anblick dieser Formationen nachvollziehen.

 El Chalten ist der Ausgangspunkt und Treffpunkt für Kletterer und Bergbegeisterte. Ein gemütlicher Ort ohne Massentourismus. Seine Infrastruktur besteht aus vielen kleinen Hütten die man sichtlich mieten kann, einigen Hosterias, Hotels oder kleinen Zeltcamps. Die Gastronomie ist auf das junge Bergsteiger Publikum ausgelegt, Pizza, Burger und kleine Pubs. In der Nebensaison ist es ruhig, sogar das Informationszentrum war geschlossen und der Parkplatz eignete sich als einsamen Übernachtungsplatz. Wir unternahmen zwei Wanderungen und hatten eine gute Zeit.

 Der beste Platz mit Aussicht auf die Felsnadeln blieb für uns ein Parkplatz rund dreissig Kilometer ausserhalb El Chaltens. Schon vor Sonnenaufgang brachten wir uns dick verhüllt und eingepackt in Stellung um die Stimmung zu geniessen. Der Mond stand noch über dem Fitz Roy als die ersten Sonnenstrahlen die Wände beleuchteten. Einer der schönsten Momente auf unserer Reise bisher. 

Zeitgleich mit dem Wetterumschwung verliessen wir El Chalten und verfolgten die Ruta 40 weiter nach Norden. Der Verkehr wurde weniger, die Orte winziger. Achtzig Kilometer waren nicht asphaltiert. Wir beobachteten grosse Guanaco Herden die zwischen den Farmen hin und her ziehen. Die Tiere haben gelernt über die Farmzäune zu springen aber einige von ihnen verheddern sich dabei im Draht und finden ein qualvolles Ende. Ihre mumifizierten Körper und Skelette säumen die Zäune am Strassenrand.


 Uns erschwerte der permanente Zaun die Suche nach einem Übernachtungsplatz. Manchmal dauerte unsere Suche über eine Stunde. Einmal entdecken wir eine Tiertränke die uns als Parkplatz diente oder wir parkten direkt neben einer ins Nichts verlaufenden Farmpiste.

 Bevor wir uns nach Chile aufmachten legten wir noch einen letzten Tankstopp im abgelegenen Ort Gobernador Gregores ein. Bei der staatlichen YPF Tankstellen fanden wir sogar das passende Öl für einen nächsten Motorölwechsel. Wir packten drei 5 Liter Kanister ein um vorbereitet zu sein. Viele kleine Werkstätten bieten zwar Ölwechsel an aber haben kein Öl.

 Mit voll aufgefüllten Wasservorräten ging es dann auf kleiner Piste westwärts mit dem Ziel Chile. Das ebene Farmland wich langsam zurück und mündete in eine schluchtige Berglandlandschaft mit pittoresken Seen und grünen Flusstälern. Die Vegetation nahm zu. Auf den zunehmend sumpfigen grünen Wiesen konnten wieder Rinder, Schafe und Pferde gehalten werden.

 Die Grenze bildet der Paso Roballos, ein kleiner natürlicher Durchgang zwischen schneebedeckten hohen Bergen. Der argentinische Grenzposten sitzt auf 800 Meter Seehöhe. Ein kleiner Aussenposten ohne viel Komfort. Die Polizei empfing uns in Trainingshosen. Viele ausländische Touristen scheinen nicht durchzukommen denn die Abfertigung dauerte. Die Pässe wurden durchgeblättert, statt einem Ausreisestempel verwendete man irrtümlich den Einreisestempel. Korrigiert wird per Handschrift, einfach Salida draufgeschrieben und schon öffnete sich endlich der Grenzbalken.

 Einige Kilometer später folgte der chilenische Posten. Wir hatten vorsichtshalber am Morgen alle „gefährdeten Lebensmittel“ gut versteckt oder schon längst gegessen denn nach Chile darf weder rohes Fleisch noch sonstige tierische Produkte, kein Obst oder Gemüse eingeführt werden. Darunter fallen auch Honig, Nüsse, Rosinen und wer weiss was sonst noch alles. Unsere Fleischreste hatten wir vorgekocht und das restliche an verschiedenen Plätzen sorgfältig versteckt.

Viele Reiseberichte erzählten von Durchsuchungen und genauen Kontrollen, wir waren etwas aufgeregt. Der chilenische Posten war das Gegenteil vom argentinischen. So gross wie ein kleines Dorf mit Häusern für die Angestellten und ihren Familien.

Nachdem niemand zu sehen war gingen wir in das Office. Es war nachmittags also Mittagszeit für Südamerikaner, es roch nach Essen und wir hörten im Hintergrund Geschirr klappern. Eine Grenzbeamtin in Uniform kam zum Schalter und nahm schnell die Pässe entgegen. Zwei Minuten später waren sie gestempelt und ein Zolldokument für den Unimog ausgestellt. Dann noch die Frage ob wir Essbares mitführen würden. Ich antwortete: „Ja, eine Karotte“, ich dachte es ist realistischer wenn man irgendetwas zum herzeigen hat. „OK“ sagte sie „draussen sind verschieden farbige Tonnen dort einfach hineinwerfen, buen viaje, Adios“.