Patagonien I – stürmische Zeiten


Kilometer für Kilometer näherten wir uns der Südspitze Südamerikas. Wir hatten Patagonien erreicht, eines der menschenfeindlichsten Gebiete des Kontinents. Fernando Magellan, der 1520 auf der Suche nach einer Durchfahrt Richtung Indien als erster Europäer die Küstenlinie entlang segelte benannte diese Region nach den gross gewachsenen Eingeborenen. El Patagon, der Gross-Fuss.

Ruta Nacional 3
 Uns führte die Ruta Nacional 3 durch die spärlich besiedelte eintönige Steppenland im Windschatten der Anden. Bis zum Horizont verlaufen Farmzäune, dahinter grasen Schafe oder kleine Herden von wilden Guanacos, den Vorfahren des domestizierten Lamas.

Guanaco
Viel Abwechslung bietet eine Fahrt durch Patagonien nicht. Die Orte sind oft hunderte Kilometer voneinander entfernt, es empfiehlt sich bei jeder Tankstelle Diesel zu bunkern denn wenn der Tankwagen nicht rechtzeitig eintrifft sitzt man im Trockenen.

Raststation RN3
Bald lernten wir auch die berüchtigte Attraktion Patagoniens kennen, den Wind. Stets aus Westen kommend streift er gnadenlos über die endlosen Ebenen und lässt sogar Grashalme schief wachsen. Das Unimog Fahren wird dabei zusätzlich anstrengend. Beherzt mussten wir das Lenkrad festhalten damit uns der Seitenwind nicht aus der Fahrspur drängte. Wenn dann noch auf der Gegenfahrbahn ein Lastwagen vorbeifuhr schüttelte uns der Sog durch wie auf einer Rüttelplatte.

Jagd auf Füchse
 Kurz vor der Stadt Trelew thronte am Strassenrand ein originalgetreu nachgebildeter riesengrosser Dinosaurier. Jurrasic Park in Patagonien. Gar nicht weit hergeholt denn seine Knochen fand man im Umkreis. Die Wissenschaft rekonstruierte dass es sich um den bisher grössten bekannten Dinosaurier der Welt handelt.

Trelew
Gerne hätten wir uns auch im nahegelegenen Ort Gaiman eine paläontologische Ausgrabungsstätte angesehen aber der Ausflug entpuppte sich als Reinfall. Das Besucherzentrum war geschlossen, der Ort war bis auf einige schmucke Jahrhundertwende Häuser nicht berauschend und der einzige Campingplatz bei der Feuerwehr war auch zu.

Cabo dos Bahias
Wieder einmal musste uns eine Tankstelle als Übernachtungsplatz dienen. An sich ok wären da nicht die Busse oder Lastwägen die ständig ihren Motor laufen haben oder einem das Zischen der Druckluftbremsen den Schlaf raubt.

Pinguin Kolonie
 Besser gefiel uns der Abstecher in das Dorf Camarones. Ein netter verschlafener argentinischer Küstenort. Seine Attraktion ist das nahegelegene Reservas Natural Cabos dos Bahias. Es erstreckt sich auf einer einsamen Landzunge und beherbergt eine der seltenen Kolonien von Magellan Pinguinen.
Magellan Pinguin
Im September kommen sie langsam an Land und beziehen ihre Brutplätze. Pinguine sind treue Seelen. Jedes Jahr finden dieselben Paare zueinander und kümmern sich die nächsten Monate um ihren Nachwuchs. Paaren, brüten, füttern, um sich dann wieder in ihren eigentlichen Lebensraum den Atlantik vor der brasilianischen Küste zu begeben und auf die nächste Saison zu warten.

Umgebung Camarones
 Wir waren die einzigen Besucher und mussten nicht einmal Eintritt bezahlen. Am Weg zurück waren wir von der wildromantischen Küste so begeistert dass wir gleich noch zwei einsame Nächte an einem wilden freien Platz mit Aussicht verbrachten.

Reserva Natural Cabo Dos Bahias
 Das Wetter war, bis auf den Wind immer prachtvoll nur die Temperaturen fielen mit jedem Breitengrad südlicher nach unten. Die Nächte wurden empfindlich kälter und wir kämpften wieder mit dem Kondenswasser Problem im Aufbau. Die Aluminiumstreben unseres Kühlkoffers sind leider nicht Kältebrücken frei. Zur normalen Morgenroutine mit Frühstück machen, abwaschen und Klo ausleeren gesellte sich nun auch das Trockenwischen der beschlagenen Stellen. Die Standheizung erledigt dann noch den Rest und macht unsere Stube wohlig warm. Der Unimog hat seine Vorgelege Öl Verwirrung auch wieder abgelegt. Alfred ist wieder zum 1000 Kilometer Nachfüll Ritual gewechselt.


 Drei Zentimeter auf der Karte weiter südlich durchquerten wir das einzige Erdölfördergebiet Argentiniens. Als wichtiger Handelsstützpunkt hat sich die Hafenstadt Comodoro Rivadavia entwickelt. Sie liegt aufgefächert zwischen riesigen Sandbergen und war für uns eine unerwartete Oase inmitten der wüstenhaften Umgebung mit Shoppingtempel und jederlei sonstiger Versorgungsmöglichkeiten.

patagonisches Farmland
 Gleich dahinter im Nobel Strandort Rada Tilly gab es nicht nur einen Campingplatz sondern auch ein regelrechtes Villenviertel. Full Size Pickups kurvten durch die Strassen, es wurde gejoggt, man führte den Hund spazieren oder promenierte am Strand. Von einer Finanzkrise in der Argentinien gerade steckt merkte man hier nichts.

Comodoro Rivadavia
 Generell ist wenig von den Problemen des Landes zu sehen. Die Bankomaten spucken Geld aus, die Geschäfte haben Waren und die Tankstellen Treibstoff. Die Reichen haben grosse Autos, die Ärmeren alte Rostlauben aber das war wahrscheinlich immer so. Argentinien produziert glücklicher Weise viele Waren im eigenen Land. Namhafte Autohersteller betreiben Werke in Argentinien und es existiert eine breitgefächerte Lebensmittel Industrie.

historischer supermercado gegr. 1901
Überall im Supermarkt finden sich Waren mit der Aufschrift „Industria Argentina“. Obst und Gemüse wird vorwiegend saisonal angeboten und Fleisch ist grundsätzlich billig. Teuer und für viele unbezahlbar sind Importwaren und natürlich zählt eine Urlaubsfahrt ins Ausland durch den geschwächten Peso zum absoluten Luxus den nur wenige sich leisten können.


 Einzig im Strassenbau merkt man die Geldnöte des Staates. Zwischen Comodoro und der nächsten Stadt Caleta Olivia ist die RN 3 in einem desolaten Zustand. Das begonnene Neubau Projekt ist verlassen.

Robbenkolonie bei Caleta Olivia
 Weiter südlich wird die Strasse wieder besser. Streckenweise verläuft sie direkt am Meer und das bescherte uns das Erlebnis eine kleine Kolonie Robben aus nächster Nähe zu beobachten. Fast will man sich dabei die Nase zuhalten denn Robben machen nicht nur ordentlich Lärm sondern sie stinken auch erbärmlich.

Circuito Costera - Puerto San Julian
 Ob Magellan zu seiner Zeit auch Robbenfleisch als Nahrungsquelle nutzte wissen wir nicht aber dass er in der Bucht von Puerto San Julian mit seiner Mannschaft überwintert hat ist bewiesen. Wir steuerten den Ort über den Cicuito Costera an, einer kleinen Panorama Piste die bereits einige Kilometer vor dem Ort von der Hauptstrasse abzweigt. Die malerischen Kiesstrände und schroffen Klippen verleiteten uns sogar zu einer Wildcamping Nacht bevor wir den Gemeinde Campingplatz in Puerto San Julian erreichten.

Circuito Costera

 Am Strand erhebt sich das nachgebaute Schiff Magellans. Für wenig Geld vermittelt eine Führung Einblicke in die Seefahrer Zeit des Mittelalters. Unvorstellbar wie die Seeleute mit damaligen Mitteln dieses Klima, die Stürme und die einsame öde patagonische Steppenlandschaft aushielten. Nach monatelangem Warten gelang Magellan schlussendlich der Beweis dass die Erde rund ist. Er entdeckte den Weg nach Asien der heute als Magellan Strasse in den Weltkarten vermerkt ist.

Magellans Schiff - die Victoria
 An diesem Abend genossen wir die heissen Duschen besonders obwohl der ständige Wind und die Kälte uns langsam zusetzten und am Energielevel zehrten. Unsere Lust sich zu lange in diesen Breiten aufzuhalten wich und wir beschlossen nicht nach Feuerland überzusetzen sondern noch am Festland nach Westen zu schwenken.

Nähe Camarones
 2500 Kilometer südlich von Buenos Aires erreichten wir den südlichsten Punkt unserer Tour, die Abzweigung zur Piste RP 9. Zur Magellan Strasse wäre es nicht mehr weit aber wir wollten nicht nur auf Asphaltstrassen durch Patagonien düsen sondern ein bisschen Hinterland Pisten schnuppern. Der Festlandsockel Südamerikas ist hier unten nicht mehr breit. Nur rund 200 Kilometer Piste lagen vor uns aber die hatten es in sich. Diesmal nicht wegen den Bodenverhältnissen sondern es erwischte uns der erste richtige Sturm.

Ruta Provencial  9
Wir reden nicht von heftigen oder böigen Wind sondern von Windgeschwindigkeiten bis zu 100 km/h durchgehend. Der Unimog wackelte wie ein Schiff und beim Aussteigen riss es uns die Tür aus der Hand. Beim Gehen denkt man umgeblasen zu werden, der Dieselverbrauch stieg ins Unendliche, wir hatten die ganze Strecke Gegenwind. Die ebene Steppe bot keinen geschützten Platz und so stellten wir uns abends einfach mit der Motorhaube in den Wind um wenigstens keine Breitseite abzubekommen. Es war wie im Windkanal.