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Namibia – Festgefahren im Kaokoveld


Die letzten Wochen war ordentlich was los. Zuerst mussten wir uns von Angola erholen und den Unimog Haushalt wieder in Ordnung bringen, dann fing Alfred eine schwere Grippe ein und lag tagelang mit Fieber im Bett und bevor wir überhaupt ans weitere Reisen denken konnten zwang uns die kaputte Lenkungspumpe zu einer fast 1400 Kilometer Schleife über die Hauptstadt Windhoek wo der Ersatzteil und eine fähige Werkstatt warteten.

zwischen Orupembe und Hoarasib River
 Insgesamt waren wir aber froh endlich in Namibia zu sein denn für uns ist es ein echtes Entspannungsland. Als deutschsprachiger Reisender fühlt man sich hier schnell wohl. Das Land ist trotz erlangter Unabhängigkeit im Jahre 1990 immer noch fest in der Hand deutscher Siedler die sich vor rund hundert Jahren hier niederliessen oder treffender ausgedrückt die Region besetzten.

Sie kamen als Händler und Farmer und haben sich ihre deutsche Tradition und Kultur auch nach Generationen erhalten. Neben Englisch und Afrikaans sprechen alle Deutschstämmigen perfektes Deutsch. Im Supermarkt finden sich deutsche Salami und Eisbein mit Sauerkraut. Die Werkstätte in Windhoek ist deutsch geführt und wir verbrachten schöne Tage auf einigen der vielen deutschen Gästefarmen.

entlang Skeleton Coast NP
Etwas befremdlich wirken die vielen Zäune entlang der Strassen. Namibia besteht zum Grossteil aus Farmland das immer noch fast ausschliesslich im Besitz weisser Farmer ist. Die wüstenhafte karge Landschaft ermöglicht nur Rinder oder Schafzucht. Der Tourismus liess mittlerweile viele auf Jagd und Wild umsatteln und so findet sich auch ein grosses Angebot an Lodges oder Campingplätzen. Nur so am Rande – eine namibianische Farm umfasst mindestens 5000 Hektar, eine Grösse die in Europa jeden landwirtschaftlichen Betrieb als Winzling kennzeichnet.

Himba Siedlung
Manchmal fragt man sich wo eigentlich die schwarze Bevölkerung lebt. In Namibia gibt es nur wenige gewachsene Orte. Im Farmgebiet befindet sich alles im Privatbesitz, schwarze Arbeitskräfte wohnen direkt am Farmgelände und den Rest verbannte man in unwirtliche Wüstengebiete im Norden und Osten des Landes, den sogenannten Homelands. Ein Begriff der aus der südafrikanischen Apartheitspolitik stammt und auch in Namibia viele Jahre angewandt wurde.

Etosha Pan



Uns zog es genau dorthin, in die Wüste des Nordens, dem Kaokoveld und Damaraland. Frisch gestärkt machten wir uns auf den Weg. Als kleinen Abstecher legten wir noch den Besuch des Etoscha Nationalparks ein. Das Highlight jedes Namibia Urlaubers. Uns hat er enttäuscht und wir fanden ihn überbewertet. Es reichte direkt vor einem Wasserloch zu parken und zu warten – alle Tiere kommen irgendwann dort vorbei. Für einen Safari Neuling ist er aber durchaus ein Erlebnis.


unser Geburtstags Dinner in der Etosha Village Lodge


Auf einer der wenigen Asphalt Strassen Namibias ging es weiter in den Norden bis Opuwo, einen Ort den wir schon vor zehn Jahren besuchten und  damals als sehr bedrückend empfanden. Vieles hat sich seither geändert, neue Geschäfte, mehr Tourismus aber immer noch viel zu viel Armut, Müll und leere Alkoholflaschen lassen auch auf ein Alkoholproblem schliessen.

Szene in Opuwo
Interessant ist der Volksstamm der diese Region bis nach Angola hinauf besiedelt, die Himbas. Ein echtes Urvolk mit beinahe steinzeitähnlicher Lebensweise. Durch die Abgeschiedenheit des Nordens waren die Himbas bis vor einigen Jahrzehnten fast gänzlich von der Aussenwelt abgeschnitten und lebten traditionell als Jäger und Sammler mit kleinen Rinder und Ziegenherden in den Flusstälern der Wüste. Besonders beeindruckend ist das Erscheinungsbild der Frauen. Von der Haarwurzel bis zu den Zehen schmieren sie sich mit einer Paste aus rotbrauner Erde und Fett ein und tragen imposante Frisuren und viel Schmuck. Die Bekleidung beschränkt sich auf einen kurzen Lendenschurz.

Himba Mädchen
Neuerdings hat sie der Tourismus entdeckt und sie zählen zur Attraktion Namibias. Es erfordert einen heiklen Spagat wenn diese zwei Welten auf einander prallen. Den Himbas erschloss diese Entwicklung zwar kleine Einkommensmöglichkeiten durch den Verkauf einiger Souvenirs und posieren für Fotos, dennoch haben wir den Eindruck dass die moderne Welt nicht nur Vorteile bringt. Sie entwurzelt auch und immer noch ist die Region bezüglich Schulen oder Gesundheitsversorgung vollständig unterentwickelt und zurückgeblieben. Von der Steinzeit hüpft man nicht schnell mal ins Smartphone Zeitalter. Himba Kinder sind nicht zu beneiden.

Orupembe
Das einzige was wir auf unserem Weiterweg bemerkten ist dass sich langsam die  westliche Kleidung durchsetzt obwohl die Hütten und die Lebensweise unverändert wirkt.

Seit Opuwo führen nur noch Pisten durch die Wüste. Der Verkehr beschränkt sich auf wenige Pickups die zwischen den Siedlungen unterwegs sind und ab und zu kommt ein Tourist so wie wir es sind hier durch. Man muss sich auf Einsamkeit und viel steiniges Gelände und Wellblechpassagen einstellen, unsere Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt auf 15 km/h. Eines haben wir seither beschlossen – wir brauchen dringend einen Schwingsitz.


Grenze zu Skeleton Coast NP
Obwohl wir die Strecke schon gefahren sind konnten wir uns nicht an die bergige Landschaft erinnern. Gut so, denn sonst hätten wir es nie bis Orupembe geschafft.

Der Ort Orupembe liegt im absoluten Nichts, eine Ansammlung weniger Hütten und einer kleinen Polizeistation.  Wir fragten uns nicht zum ersten Mal wie hier Menschen leben können, mitten in der Vollwüste.


Hoarasib River Schlucht
Wir schwenkten an dieser Stelle wieder südwärts und wählten dafür eine Strecke die direkt entlang des Skeletoncoast Nationalparks verläuft. Belohnt wurden wir mit einer einmalige Wüstenlandschaft die an unsere Saharazeiten erinnerte. Eine menschenleere Weite wie wir es aus Libyen und Algerien kennen. Endlose Reg Ebenen umrahmt von kleinen Bergzügen und faszinierenden Felsformationen, traumhaft schön. Trotz Wellblech Piste genossen wir es hier zu fahren.

Ganamub River
Die Route verläuft schon soweit westlich dass uns morgens der Küstennebel einhüllte. Der eiskalte Benguela Strom des Atlantiks trifft an Namibias Küste auf die heisse Luft der Inlandswüste und macht die gesamte Küstenregion zum Nebelgebiet. Mittags lies die Sonne die Temperatur wieder auf gute 30 Grad steigen und wir erreichten das Flusstal des Hoarasib Rivers.

Die Piste schlängelt sich nun flussaufwärts durch eine enge Schlucht zum Ort Purros, der einzigen Siedlung im Umkreis von 100 Kilometern.

Zu unserer Überraschung führte der Fluss immer noch Wasser. Die starke Regenzeit des heurigen Jahres ist dafür verantwortlich.

Die wenigen Zentimeter stellten aber kein Problem dar und wir meisterten die ersten Flussquerungen ohne Aufregung. Sowieso verlief die Piste grossteils durch steiniges Terrain ausserhalb des unmittelbaren Wasserlaufes.
Geier fressen toten Elefanten
Alfred hatte irgendwann genug von der holprigen Steinstrecke und bildete sich ein der direkte Weg durch das Flussbett sei schonender. Der Untergrund ist sandiger und wirkte bei Durchfahrten bisher recht stabil und fest.

Solange ich am Steuer sass verfolgten wir weiter die Piste aber die Müdigkeit zwang mich an Alfred zu übergeben und das war keine gute Idee.

Nach nur 200 Metern war es vorbei. Wir steckten mit dem Unimog fest. Ein Fehler folgte dem anderen. Zuerst verabsäumte er die Sperren zu aktivieren, dann machte er auch noch eine Kurve und nach dreimaligen Befreiungsversuchen steckten wir im Endeffekt bis fast zur Achse im festen Flusssand mitten im Strom. Zwar war das Wasser nur 5 cm hoch aber der Sand war völlig aufgeweicht mit der Konsistenz von flüssigen Beton. Wir gruben und schaufelten von spätnachmittags bis Einbruch der Dunkelheit, legten einen kleinen Wall an um den direkten Wasserlauf umzuleiten und eine Drainage um das gesammelte Wasser unter dem Auto abfliessen zu lassen. Jeder Muskel unseres Körpers war überanstrengt und wir spürten unsere Rücken nicht mehr als wir zur Kenntnis nehmen mussten diesmal die Nacht mitten im Flussbett zu verbringen.

Obwohl wir nur 5 Kilometer von Purros entfernt waren kam nie jemand vorbei oder liess sich auch nur eine Menschenseele blicken.
Amspoort

Am nächsten Morgen überlegten wir die Optionen – selbst konnten wir uns nicht mehr befreien also stapfte Alfred los um Hilfe aus dem Ort zu organisieren.

Es ist schon schlimm genug überhaupt mit einem Auto steckenzubleiben aber mit einem Unimog ist es eine Katastrophe. Die Bodenfreiheit war diesmal ein Fluch weil wir dadurch über einen halben Meter tief feststeckten.

Während ich weiter wie Sisyphos den Sand wegschaufelte der bald darauf wieder nachfloss kehrte Alfred irgendwann mit fünf  Mann auf einem Toyota Landcruiser zurück.

Wir machten uns an die Arbeit. Unsere Sandbleche mussten wir erst mal wieder entfernen denn die verklemmten unter Kiste und Tank. Riesige Zweige wurden mit Macheten abgeschlagen und als Anfahrhilfe gelegt und es wurde gegraben was das Zeug hielt. Nach zwei Stunden der erste Anfahrversuch – Fehlanzeige. Der Unimog bewegte sich nur nach unten nicht nach vorn.


vorher
Für Verzweiflung blieb uns schon lange keine Zeit mehr. Wir packten den Wagenheber aus und mühsam gelang es den Unimog zuerst vorne und dann hinten etwas anzuheben um mehr Zweige unterzulegen. Schliesslich wieder ein Versuch. Trotz Anschiebekraft von fünf starken Afrikanern bewegte sich der Unimog keinen Zentimeter. Als letzte Hoffnung packten wir das Abschleppseil aus und spannten den Toyota davor. Der Toyota zog, fünf Mann schoben hinten an und tatsächlich reichte dieser kleine Zusatzschub dass sich der Unimog im 1. Gang langsam in Bewegung setzte. Unglaublich aber wahr, der Toyota Landcruiser befreite den Unimog aus seiner  misslichen Lage, wie peinlich.

nachher
Die nächsten zwei Tage hatten wir Mühe wieder Spass an der weiteren Tour zu finden und blieben erst einmal auf der Community Campsite ausserhalb. Alfred schwor sich nie wieder zu so einer unüberlegten Handlung hinreissen zu lassen und so starteten wir erneut los. Nach wenigen Kilometern nahmen wir die nächste Pistenabzweigung und waren die folgenden 140 Kilometer wieder völlig auf uns allein gestellt. Unser Thuraya Satellitentelefon hatte nur mehr wenig Empfang weil der Einsatzbereich das südliche Afrika nicht mehr abdeckt. Wir testeten es täglich und freuten uns über zwei Balken. Im Notfall wäre es unsere  einzige Verbindungsmöglichkeit. Die Piste verlief im steinigen Terrain durch breite Hochtäler bis wir das nächste Flusstal erreichten, den Hoanib River bei Amspoort.


Mittagsrast im Hoanib
Dieses Flusstal ist breiter und sandig. Hier gibt es kein Oberflächenwasser und man fährt durch baumbestandenen Trockenfluss. Als wir schliesslich auch noch Wüstenelefanten aufspürten fiel die letzte Anspannung vergangener Tage ab und wir genossen die Ruhe und Eleganz dieser lautlosen Riesen. Schon auf der gesamten Strecke bekamen wir immer wieder Oryx, Springböcke oder einen Strauss zu Gesicht aber die seltenen Wüstenelefanten waren etwas Besonderes.

Wüstenelefanten
Wir liessen die Tour ausklingen mit der Durchfahrt des Ganamub Valleys, einem canyonartigen Nebental des Hoanib Rivers. Zum Abschluss entdeckten wir sogar noch eine Löwenspur neben der Piste und nach 470 abenteuerlichen Pistenkilometern erreichten wir wieder die Hauptpiste nach Sesfontain.