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Ost Angola 2 – Chaos Reparatur im Diamantenland


Wir sind geschockt. Als wir Saurimo erreichen wird unser erster Eindruck durch Müllberge geprägt. Kinder die im Dreck nach Verwertbarem suchen, Schweine die sich daraus ernähren und wir mit der kaputten Servolenkung. Es gibt wahrlich bessere Orte für eine Panne.


Aus leichter Verzweiflung beginnen wir uns einzureden dass es noch schlimmer kommen könnte. Immerhin sind wir gesund und hungern nicht. Den Tiefpunkt einer Beziehungskrise haben wir mittlerweile auch überwunden, alles ist gut.

Saurimo
Saurimo ist eine Provinzhauptstadt und befindet sich mitten im Diamantengürtel. Als fünft grösster Exporteur für Diamanten weltweit zählt der Industriezweig für Angola zur zweit wichtigsten Einnahmequelle nach Öl. Die meisten Minen finden sich hier im Norden entlang der kongolesischen Grenze.

Diamantenabbau ist ein schmutziges Geschäft. Um die Edelsteine zu gewinnen werden riesige Landstriche im Tagbau regelrecht umgegraben und hinterlassen irreparable Schäden an Flora und Fauna. Umweltschutz ist kein Thema.


3 Diamanten für ein  Auto


Dafür bieten die Minenbetreiber Jobs und Verdienstmöglichkeiten aber gleichzeitig zieht es auch Glücksritter in diese Region.

Am Ende schaffen es nur wenige von all dem zu profitieren. Arbeiterlöhne sind niedrig und Waren teuer. Verhältnismässig billig ist nur Alkohol. Fast in jedem Shop gibt es Bier und harte Spirituosen zu kaufen und die Begegnung mit Betrunkenen die den Strassenrand entlang taumeln gehört zur Normalität.

Marktplatz
 Auf unserer Suche nach einer Autowerkstatt hilft uns die traurige Realität dass Angola eine besonders hohe Analphabeten Rate aufweist. Um den Konsumenten auf sich aufmerksam zu machen behelfen sich die Firmen in dem sie ihr Waren oder Dienstleistungsangebot nicht nur beschildern sondern zusätzlich an die Fassade aufmalen.

Wählerisch dürfen wir sowieso nicht sein denn im Stadtgebiet lässt sich der Unimog nur durch gemeinsames Ziehen am Lenkrad in Kurven bewegen und benötigt beide Fahrbahnen. Nicht ungefährlich und so sind wir froh als endlich eine passende Fassadendekoration vor uns auftaucht.

Autowerkstatt
Eine Werkstatt mit grossem Innenhof, für hiesige Verhältnisse äusserst luxuriös denn normalerweise repariert man direkt am Strassenrand neben einer Baracke. Die Ziege die genüsslich zwischen Auto und LKW Wracks grast darf einem dabei nicht abschrecken.

Mit unserer portugiesischen Übersetzung für kaputte Servolenkung machen wir uns schnell verständlich und ein Mechaniker verschwindet in ein Gebäude dass als Haus, Küche oder sichtlich auch Ersatzteil Lager dient denn als er zurück kommt hält er eine gebrauchte Servopumpe in der Hand und deutet dass die Reparatur kein Problem sei.

Ersatzteile beim Strassenstand
 Unimogs sind in Angola keine Exoten. Sie werden vom Militär eingesetzt und jedermann kennt sie. Trotzdem haben wir bisher nur einen gesehen und auch das gefundene Ersatzteil hat nichts mit Mercedes zu tun.

Egal, wir sind kurzzeitig voller Hoffnung. Erst als sich herausstellt dass das Teil nicht passt und die Mechaniker beginnen die alte Servopumpe mit Schweissgerät, Hammer und Meisel zu bearbeiten wird uns unwohl. Unglaublicher weise ist der Unimog nach mehreren Stunden später wieder fahrbereit und tatsächlich, die Lenkung funktioniert.

Weniger erbaulich gestaltet sich die Preisverhandlung. Unverschämte USD 500,-- möchte man uns für diese Hinterhof Reparatur abknöpfen. Nach zähen Verhandlungen drücken wir dem Chef USD 150,-- in die Hand und verlassen fluchtartig den Werkstatthof.

 
Angola, ganz normal

Angola zählt nun mal zu den teuersten Ländern Afrikas, jede Ressource ist rar.

Je weiter von der Hauptstadt Luanda entfernt umso schwieriger gestaltet sich die Versorgung. Ausser Gebrauchtteilen ist nichts erhältlich und sogar diese werden teuer gehandelt. Erst später merken wir das Unimogs zu den Auslaufmodellen zählen. Die meisten liegen bereits auf Halde und dienen nur noch als Ersatzteillager. Gegenüber den wenigen fahrbereiten Exemplaren wirkt unser Unimog trotz aller Undichtigkeiten wie ein Neufahrzeug.

Mittlerweile ist es spät und wir brauchen einen Übernachtungsplatz. Mit Glück finden wir den Sitz des katholischen Bischofs und dürfen auf dem Gelände parken. Das Anwesen beherbergt nicht nur die Bischofs Villa sondern auch Unterkünfte für Ordens Pfarrer und Nonnen. Auf den ersten Blick wirkt alles sehr gepflegt aber die SAT Antenne des Bischofshauses täuscht über die wahren Umstände hinweg.

Angola - alles kaputt
Wieder einmal gibt es kein Fliesswasser. Die Brunnen Pumpe ist defekt und es muss per Hand geschöpft werden. Gekocht wird auf Holzkohle im Freien und abends stampfen Novizinnen das Grundnahrungsmittel Cassava in hölzernen Gefässen zu Mehl.

Wir bedanken uns mit einer kleinen Spende und machen uns nach zwei Tagen wieder auf den Weg. Bis zur Küste liegen noch immer 950 km vor uns und das drückt auf die Stimmung.

Es gibt hier keinen Ort wo wir uns länger aufhalten wollen. Alles wirkt verwahrlost und heruntergekommen, vergeblich sucht man Schönes oder Ästhetisches.

Zum Verzweifeln bleibt keine Zeit denn schon konfrontiert uns ein neues Problem.

Container Tankstelle
In ganz Saurimo, wohl gemerkt einer Provinzhauptstadt, ist kein Treibstoff erhältlich. Egal welche Art von Tankstelle wir ansteuern, ob Container Zapfsäule oder nagelneue nach westlichen Standard gebaute Riesentankstelle, es gibt keinen Diesel.

Absolut unerklärlich denn durch Saurimo verläuft die einzige Verkehrsader für die Versorgung der Diamantenminen. Es herrscht reger LKW Verkehr und besonders verwunderlich erscheinen uns die Tankwagenkolonnen die uns auf der Weiterfahrt begegnen.

Das Strassen Debakel nimmt ebenfalls wieder seinen Lauf. Katastrophal ist milde ausgedrückt.

Strassenabschnitt zwischen Saurimo und Malanje
Nach knapp 150 Kilometern kracht es dann. Die Servopumpe hat sich wieder verabschiedet. Wir sind kurz vor dem kleinen Ort Cacolo und retten uns gerade noch zur Missionsstation neben der Kirche.

Mitten im tiefsten Angola empfängt uns hier ein katholischer Priester aus Indien. Pater Ashwin ist ausgesprochen hilfsbereit und erweist sich als Retter. Er organisiert einen Mechaniker der mit Silikon und Kaltmetall die Teile so fixiert dass wir nach drei ungewissen Tagen Wartezeit wieder fahrbereit sind. Solange dauerte es nämlich bis wir einen gebrauchten Keilriemen auftreiben konnten.

In Cacolo merken wir hautnah Angolas marode Infrastruktur. Es gibt kein Fliesswasser und keinen Strom. Der Pfarrer erklärt uns dass der grosse Wasserspeicher des Ortes noch nie in Betrieb war und die Stromleitungen ohne Funktion sind. Sogar die Tankstelle im Ort verkauft statt Treibstoff nur noch Wasser aus einem Schöpfbrunnen. Ohne eigenen Brunnen  und Stromgenerator wäre auch die Missionsstation nicht handlungsfähig.

Reparatur unter Aufsicht
In Angola ist nichts selbstverständlich und fast nichts funktioniert.

Bis wir endlich Malanje, die erste grosse Stadt im westlichen Angola erreichen quälen wir uns weiter über furchtbarste Asphaltbänder mit tiefen Schlaglöchern, durchqueren Orte die an Sodom und Gomorrha erinnern und finden endlich 60 Kilometer vorher eine Tankmöglichkeit.

Ist das das Ende unseres Leidens, wir werden sehen.